Strukturbericht für die M+E-Industrie in Deutschland

Das Schwerpunktthema des Strukturberichts 2015 ist eine detaillierte Analyse der Patente im M+E-Bereich, weil sie ein wichtiger Indikator zur Beurteilung des Innovations- und Forschungsoutputs von Unternehmen, Branchen und ganzen Volkswirtschaften sind. Dafür werden alle am Europäischen Patentamt registrierten Patente von 1992 bis 2014 ausgewertet und den M+E-Produktgruppen sowie den M+E-Wirtschaftszweigen zugeordnet. Dabei wurde auf die Patentdatenbank von Economica zurückgegriffen.

Zusammenhang zwischen Patenten und Erfolg

Eine tiefgehende Analyse der Patente ist nur gerechtfertigt, wenn diese ein geeigneter Indikator für wirtschaftlichen Erfolg sind. Deshalb steht am Anfang der Analyse die Überprüfung des statistischen Zusammenhangs zwischen Patenten und dem Erfolg der M+E-Branchen. Als Erfolgsmaßstab dienen die M+E-Exporte. In die Analyse sind 42 Länder einbezogen. Die Ergebnisse:

  • Es gibt einen gesicherten positiven Zusammenhang zwischen der Anzahl an Patenten und den Exporten. Je mehr Patente ein Land oder eine Branche hat, umso höher fallen die Exporte aus.
  • Diese Effekte sind zeitverzögert und nach Wirtschaftszweigen unterschiedlich. Veränderungen bei den Patenten führen drei bis fünf Jahre später zu entsprechenden Auswirkungen bei den Exporten. Damit haben Patente eine gewisse Frühwarnfunktion. Ein Rückgang von Patenten oder Patentanteilen in einem Marktsegment ist ein Hinweis darauf, dass sich die Exportperformance – wenn alle anderen Einflussgrößen konstant bleiben – in naher Zukunft verschlechtert und umkehrt.
  • In einem zweiten Testansatz wurden länderspezifische Effekte berechnet. Ein Patent mehr führt rechnerisch im Durchschnitt der 42 Länder zu einem Exportzuwachs von 6,2 Millionen US-Dollar. In der deutschen M+E-Industrie ist dieser Effekt stärker ausgeprägt: Ein Patent mehr führt im Durchschnitt zu einem Exportzuwachs von 16,6 Millionen US-Dollar.
    Entwicklung
  • Die Zahl der dem M+E-Bereich zuordenbaren Patente nimmt im Zeitablauf zu. 1992 wurden im M+E-Bereich weltweit rund 40.000 Patentfamilien registriert – 2013 waren es knapp 165.000. Die Dynamik der Anmeldungen hat in den letzten fünf Jahren allerdings nachgelassen.
  • Die Länder mit den höchsten Anteilen an allen M+E-Patenten sind die USA (26,3 Prozent aller seit 1992 angemeldeten Patente), gefolgt von Japan (20,2 Prozent), Deutschland (16,5 Prozent), Frankreich (5,9 Prozent) und dem Vereinigten Königreich (4,4 Prozent).
  • Etwa seit dem Jahr 2000 hat es eine regionale Verschiebung gegeben. Die Gewinner sind Japan, Südkorea, China, die Länder aus Mittel- und Osteuropa und teilweise die USA. Der Hauptverlierer ist Deutschland.

Vernetzung

Patente können von Patentämtern nach bestimmten Patent- und damit Technologieklassen mehrfach zugeordnet werden. Auch werden die beteiligten Erfinder nach ihren Wohnsitzen und die Unternehmen nach den Firmensitzen registriert. Damit lassen sich vielfältige Vernetzungsstrukturen zeigen:

  • Branchenvernetzungen: Einzelne Patente können gleichzeitig für mehrere Wirtschaftsbereiche relevant sein und werden dann statistisch mehreren Branchen zugeordnet. Dies trifft für rund ein Viertel der Patente der M+E Bereiche zu und zeigt die technologische Vernetzung der M+E-Wirtschaft mit anderen Branchen an. Die wichtigsten sind Chemie, Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) sowie Gummi- und Kunststoffe. Die Verflechtungsintensität ist insgesamt hoch und mit der Intensität der branchenübergreifenden Vorleistungs- oder Produktionsnetzwerke vergleichbar.
  • Technologievernetzung: Fast die Hälfte der M+E-Patente sind mit Technologiefeldern verknüpft, die nicht originär dieser Branche zuzurechnen sind. Die Technologievernetzungen haben im Zeitlauf zugenommen und werden dichter. Auch die in der M+E-Industrie eingesetzten Technologien haben immer mehr den Charakter von sogenannten Cross Technologies.
  • Firmenvernetzung: Die Patentanmeldungen sind hoch konzentriert. Auf die 40 größten Anmelder der deutschen M+E-Branchen entfällt mehr als ein Drittel aller M+E-Patente. Gerade diese Gruppe ist untereinander zudem hoch vernetzt.
  • Internationale Vernetzungen: Grenzüberschreitende Patente werden zunehmend wichtiger. 13,3 Prozent der deutschen M+E-Patente (2010–2014) haben ausländische Ko-Erfinder; im Zeitraum 2005 bis 2009 waren es 11,9 Prozent. Die internationalen Netzwerke konzentrieren sich auf die Gruppe der traditionellen Wettbewerber. Die grenzüberschreitenden Wissensnetze sind nicht so stark ausgebaut wie die Produktionsnetze. Vor allem fehlt die Einbeziehung der Länder aus der Gruppe der neuen Wettbewerber.

Konkurrenz holt bei Patenten auf

Strukturbericht-fuer-die-me-industrie-in-deutschlandEvidenz sind die fallenden Weltmarktanteile der deutschen M+E-Wirtschaft bei den Patenten. Dieser Anteil ist von 20,5 Prozent (2000) auf 12,4 Prozent (2013) – also um 8,1 Prozentpunkte – gesunken, nicht zuletzt, weil die Konkurrenten ihre Patentierungsaktivitäten verstärkt haben. Im Jahr 2013 ging die Zahl der Patente sogar absolut zurück. Eingesetzt hat diese Entwicklung etwa im Jahr 2000, sie verstärkte sich allerdings ab 2004.

Aufgrund des starken Zusammenhangs zwischen Patentanmeldungen und Exporten (als Erfolgsindikator) mit einer Zeitverzögerung von etwa drei bis fünf Jahren, kann deshalb eine nachlassende Dynamik bei den Patentanmeldungen unter sonst gleichen Bedingungen zu weniger dynamischen Exporten führen. Dadurch wäre das Geschäftsmodell der M+E-Industrie in Deutschland betroffen.

 

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